Prof. Dr. Hansjoachim Hackbarth (Tierärztliche Hochschule Hannover) zur Problematik Kinder - Hunde:
"Der Pitbull ist so bissig wie der Labrador"
Tiermediziner Hansjoachim Hackbarth zu jüngsten Attacken auf Kinder: Ein Hund ist von sich aus nicht aggressiv
Vor rund einer Woche hat ein Staffordshire-Terrier einem Dreijährigen auf einem Spielplatz in Celle ins Gesicht gebissen. Das war der vierte schwere Biss eines Hundes in Niedersachsen, der in den vergangenen sechs Wochen bekannt geworden ist. Über die Gründe für solche Attacken und Vorsichtsmaßnahmen sprach unsere Redakteurin Maike Albrecht mit Hansjoachim Hackbarth, dem Leiter des Instituts für Tierschutz und Verhalten an der Tierärztlichen Hochschule Hannover.
Frage: Wieso kommt es immer wieder zu solchen Unfällen - insbesondere mit Kindern?
Hansjoachim Hackbarth: Das liegt daran, dass Kinder Hunde überhaupt nicht einschätzen können und auch Verhaltensweisen zeigen, die den Hunden äußerst fremd sind. Das sind Fehlkommunikationen, so tragisch das ist. Aber Unfälle mit Kindern sind nicht häufig oder weniger häufig, sie sind nur die Spitze des Eisberges. 90 Prozent aller Bissverletzungen kommen ja gar nicht zur Anzeige, weil die innerhalb der Familie stattfinden. Und die Presse filtert Unfälle mit Kindern raus und Zwischenfälle, bei denen bestimmte Rassen auftreten. Der Biss vom Schäferhund wird ja gar nicht registriert.
Bei den bekannt gewordenen Attacken soll es vorher keine Anzeichen von Aggressivität gegeben haben. Wieso geht ein Hund plötzlich los?
Der geht nicht ohne Warnung los. Hunde zeigen das vorher ganz klar, doch keiner kann es lesen - und das ist das Schlimme. Selbst die Besitzer kriegen es ja nicht mit, in welcher Erregungslage sich ihr Hund befindet oder sie interpretieren ihn falsch.
Woran liegt das?
Wir kommunizieren im zwischenmenschlichen Bereich ganz anders als zwischen Hund und Mensch. Menschen fehlt der Sachverstand, Hunde zu lesen. Man muss dem Hund ansehen können, was er gerade fühlt. Und dann weiß man vorher ganz genau, den packst du jetzt besser nicht an.
Machen denn Hundehalter etwas falsch, wenn ihre Tiere aggressiv werden?
Der Hund wird nicht ohne Grund aggressiv. Entweder er wird auf Kommando aggressiv, weil er so erzogen wurde, oder er fühlt sich bedroht. Aber ein Hund von sich aus ist nicht aggressiv.
Kampfhunde gelten ja verglichen mit anderen Rassen als aggressiver.
Das ist Unsinn. Wir haben ja in Niedersachsen früher das Kampfhundegesetz gehabt, da mussten alle Hunde dieser Rassen zum Wesenstest. Wir haben hier an der Hochschule über 1000 Hunde getestet und haben dann diese Ergebnisse verglichen mit Ergebnissen von Golden Retrievern. Die sind gleichmäßig bissig. Da ist kein Unterschied. Das ist auch der Grund, warum es in Niedersachsen keine Rasseliste gibt. Der Pitbull ist genauso gefährlich wie der Labrador, der Golden Retriever oder der Berner Sennenhund.
In Niedersachsen kann jeder Hund als "gefährlich" eingestuft werden, wenn er auffällig wird oder sich jemand bedroht fühlt. Dann müssen die Halter gewisse Auflagen erfüllen. Reicht das Gesetz aus?
Es ist vollkommen ausreichend. Das, was man zusätzlich einführen könnte, nicht nur für Hunde sondern grundsätzlich, dass man bei der Haltung eines Tieres sachkundig sein sollte. Viele reden dann immer von Hundeführerschein, aber das klingt mir zu regulierend.
Wie könnte so ein Nachweis aussehen?
Ich sehe das relativ simpel. Man geht zum Tierarzt und lässt sich dort beraten. Außerdem ist es sinnvoll, das im Vorfeld einer Anschaffung zu machen, dann würden viele Tiere gar nicht gekauft werden.
Wenn ich theoretisches Wissen habe, heißt das ja nicht automatisch, dass ich auch mit einem Hund umgehen kann.
Nein, aber das ist der erste Schritt. Viele Leute haben ja noch nicht einmal theoretisches Wissen. Die kaufen sich einen Hund, weil er so nett ausgesehen hat.
Zurück zur aktuellen Praxis: Zu welchen Verhaltensregeln würden Sie gerade Eltern mit Kindern raten, um Unfälle mit Hunden, beispielsweise auf einem Spielplatz, zu vermeiden?
In der Nähe eines Spielplatzes hat ein Hund nichts zu suchen. Besitzer, die in der Nähe eines Spielplatzes ihren Hund frei laufen lassen, sind unverantwortlich. Man sollte in einem Umkreis von 500 Metern um einen Spielplatz Leinenzwang machen. Grundsätzlich.
Aber wenn dort Hunde sind - angeleint, wie es in Celle der Fall gewesen sein soll?
Kinder haben zu lernen: Ein Hund ist grundsätzlich nicht anzufassen! Aber wir Menschen sind ja so, wir fassen ja immer alles gleich an. Gehen Sie mal mit einem Kinderwagen durch die Stadt. Jeder grabscht da hinein: Ach, ist der niedlich. Das ist eine typische menschliche Unart. Aber wenn man einem Hund begegnet, und das Kind sagt: "Ach, ist der niedlich", macht man das nur in Begleitung des Besitzers, den man vorher fragt. Der Besitzer muss den Hund erst ansprechen, dann wird es auch zu einer freundlichen Begegnung kommen.
Sie sagten, die bekannt gewordenen Unfälle sind nur die Spitze des Eisberges. Wo sind Kinder sonst in Gefahr?
Eine typische Situation: Junges Pärchen frisch verlobt, fühlt sich einsam und kauft einen Hund. Dann nach ein, zwei Jahren wird ein Kind geboren. Da passiert es dann auch. Das sind Unfälle, die nicht zur Anzeige kommen, die finden Sie nur im Kinderkrankenhaus. Solange das Kind rumkrabbelt, passiert gar nichts. Aber in dem Augenblick, in dem sich das Kind das erste Mal am Sofa hochzieht, und das Sofa war neben Herrchen der Platz des Hundes - da verteidigt der Hund sein Revier und beißt dem Kind ins Gesicht. Das ist ganz normale Rangordnung.
Was kann man dagegen tun?
Sie müssen den Hund richtig erziehen. Sie müssen wissen, wie man einen Hund im Rang erniedrigt. Das tun die meisten Menschen aber nicht, weil das doch so ein lieber Hund ist.
Also ist jeder Hund potenziell gefährlich?
Natürlich. Der hat Zähne, der kann beißen. Und das ist seine einzige Möglichkeit sich zu wehren. Das wird jeder Hund machen. Der eine eher, der andere später."
Quelle: Weserkurier, 05.08.2008
-> mehr (Dissertationen etc.) zum Thema aus dem Institut für Tierschutz und Verhalten der TiHo Hannover
Wir bedanken uns für den Hinweis auf das Interview bei Dr. Dirk Schrader, Tierklinik Hamburg-Rahlstedt
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Der beste Freund des Menschen - Mythos und Wirklichkeit
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Für alle Kinder und ihre Eltern:
"Tapsi, komm..."
Ein Bilderbuch für kleine Hundefreunde
Ein Hund kann ein toller Freund für kleine Leute sein, wenn man die Spielregeln für bekannte und für fremde Hunde kennt und beachtet. Willst Du zusammen mit Deinen Eltern die Hunde-Spielregeln kennen lernen?
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Kinderunfall-Forschungszentrum Österreich:
"Schäferhund ist der Beißer Nummer 1
Der beste Freund des Menschen ist nicht jener der Kinder. Im Gegenteil: Wie aktuelle Daten aus dem Kinderunfall-Forschungszentrum zeigen, sind gerade Hunde aus dem Bekanntenkreis für Kinder besonders gefährlich. Vor allem, wenn diese nicht richtig auf die Hunde "reagieren".
Wie die "Hundebiss-Studie", die vor kurzem im Kinderunfall-Forschungszentrum "Große schützen Kleine" mit der Grazer Universitätsklinik für Kinderchirurgie fertig gestellt wurde, wurden 73 Prozent der analysierten Unfälle durch einen dem Kind bekannten Hund verursacht, wie Hunde von Freunden oder Nachbarn. Davon biss in 24 Prozent der Fälle der eigene Hund und in 15 Prozent der Fälle ein gänzlich fremder Hund zu.
Kinder unter zehn Jahren besonders gefährdet
Die Gefahr, einen Hundebiss zu erleiden, sinkt mit steigendem Alter der Kinder. 73% der betroffenen Kinder waren zum Zeitpunkt des Unfalls unter zehn Jahre alt.
Zu 28 % spielten die Kinder mit dem Hund, als es zum Unfall kam, zu 14 % gingen am Hund vorbei, zu 10 % kuschelten sie mit dem Hund, zu 8 % fütterten sie ihn. In 74 % der Fälle ging dem Unfall eine Interaktion des Kindes mit dem Hund voraus.
99 % der Kinder wurden nach dem Hundebiss ins Krankenhaus gebracht. 85 % erlitten tiefe Wunden, 26 % mussten operiert und 27 % stationär aufgenommen werden.
Schäfer sind die größten Beißer
Besonders gefährlich sind "große" Hunde (größer als 44 cm), die 58% der Bisse zu verantworten haben. Was die Rassen betrifft, so waren an fast 40 % der Unfälle ein Schäferhund oder Dobermann beteiligt - das heißt, dass diese die höchste "Beiß-Quote" aufweisen. Der drittgefährlichste Hund ist der Spitz.
Tipps für den Umgang mit Hunden
Um Kinder vor Hundeangriffen zu schützen, hat "Große schützen Kleine" mehrere Tipps für Kinder und Eltern: So sollten sich Menschen von den Hunden erst beschnuppern lassen, bevor sie das Tier streicheln, da das Riechen für Hunde ein wichtiges Kommunikationsmittel ist. Da Hunde gerne alles jagen, was läuft, sollte man an Hunden vorbei gehen statt zu laufen und auch nicht versuchen davon zu laufen.
Für viele Hunde könnte direkter Augenkontakt als Aggression gedeutet werden, deshalb sollte direkter Blickkontakt mit den Tieren vermieden werden. Auch Herumschreien kann bei Hunden aggressives Verhalten hervorrufen. Ein schlafendes oder fressendes Tier sollte nie gestört werden, bei einem Hundekampf darf man nicht dazwischen gehen, da kämpfende Hunde alles in ihrer Nähe beißen.
Sollte es dennoch zu einem Angriff kommen, so ist es am besten, ruhig stehen zu bleiben, die Beine zusammen zu geben, Kopf und Hals mit Armen und Händen zu schützen, da Hunde meistens in Arme, Beine, Kopf und Hals beißen. Sollte der Angegriffene bereits am Boden liegen, ist es wichtig, entweder sofort aufzustehen oder - sofern das nicht möglich ist -, das Gesicht zum Boden zu geben und Ohren mit den Händen zu bedecken."
Quelle: Krone.at, Mai 2005
Die vollständigen Daten der österreichischen Studie finden Sie hier:
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Für alle mit und ohne Hund:
Wichtige Informationen und Maßnahmen zur Verhütung von Unfällen finden Sie hier in den Broschüren beim Bundesveterinäramt der Schweiz:
Für Hundebesitzer: "Ich habe einen Hund ..."
Enthält Ratschläge für Hundebesitzer: Verhaltensweisen des Hundes, die beachtet werden müssen, das richtige Verhalten in der Anwesenheit von Kindern oder Spaziergängern, aber auch Informationen über die Bedürfnisse des Hundes. Faltblatt 9x21.
->"Ich habe einen Hund" (pdf)
Für alle, die Angst vor Hunden haben: "Ich habe Angst vor Hunden"
Dieses Faltblatt erklärt Personen, die Angst vor Hunden haben, warum Hunde ihre "Angst" riechen können, aber auch wie sie sich verhalten sollen, wenn ein Hund sich nähert und an wen sie sich bei Problemen wenden können. Faltblatt 9x21.
-> "Ich habe Angst vor Hunden" (pdf)
Bitte informieren Sie sich dort, wie Sie Kinder am besten mit Hunden zusammenführen können und beaufsichtigen, wie Sie Unfälle grundsätzlich verhüten können, wie Menschen, die Angst vor Hunden haben, mit diesen umgehen sollten, und wie Hundehalter rücksichtsvoll und fair mit Ihren Mitmenschen umgehen können.
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Verhaltenstipps und Informationen der Bundesarbeitsgemeinschaft Mehr Sicherheit für Kinder e. V.
"Hunde, Katzen, Hamster, Meerschweinchen, Kaninchen und Vögel sind häufig in Haushalten mit Kindern anzutreffen. Doch so lieb und niedlich die kleinen Freunde sein mögen, kommt es doch immer wieder zu Biss- oder Kratzverletzungen, weil Kinder das Verhalten der Tiere falsch einschätzen. Eine andere Gefahr ist, dass Haustiere durch Würmer, Bakterien oder Viren Krankheiten auf den Menschen übertragen.
Lassen Sie Ihren Säugling oder Ihr Kleinkind nicht mit Hund oder Katze allein; lebendige Vierbeiner sind nicht so geduldig wie Stofftiere. Wenn das Kind alt genug ist, muss es den Umgang mit Tieren lernen, d.h. die Bedürfnisse und das Verhalten von Tieren verstehen.
Impfschutz, Sauberkeit und Pflege der Tiere können gefährlichen Krankheiten vorbeugen - in Haushalten mit Tieren sollte das eine Selbstverständlichkeit sein, ebenso wie das Händewaschen nach jedem Kontakt mit dem Tier.
Hunde gehören zum Alltag von Kindern. Sie leben mit ihnen innerhalb der Familie zusammen oder sie erleben Hunde bei Besuchen von Freunden und Familienangehörigen. Sie treffen beim Spielen, beim Spaziergang oder beim Einkauf häufig auf bekannte und fremde Hunde. Kinder sollten lernen, Hunde zu respektieren und mit ihnen artgerecht umzugehen..."
Die Initiative für mehr Kindersicherheit "Wir können das!" hat zu diesem Thema Tipps für verschiedene (Unfall)Situationen und ein Faltblatt erstellt, sie finden diese
Für alle Schüler und ihre Lehrer:
Eine Schulstunde mal ganz anders?
"Hunde helfen Menschen e.V." besucht Schulklassen mit eigens dafür ausgebildeten Hunden und Hundeführern - beim Unterrichtsthema "Hund" kommt garantiert keine Langeweile auf. Der als besonders förderungswürdig anerkannte Verein hat es sich zur Aufgabe gemacht, Kindern den richtigen Umgang mit Hunden in Schulen zu vermitteln.
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Für alle Erwachsenen mit und ohne Hund:
Ein Hund kann das Beste, aber manchmal auch das Schlimmste sein, was einem Kind begegnet.
Kinder und Hunde sind daran naturgemäß unschuldig.
Die Verantwortung liegt ganz allein bei uns.
Im Gegensatz zu deutschen Politikern und Behörden hat sich das Bundesveterinäramt der Schweiz auf vorbildliche, fachkundige, differenzierte und vor allem hilfreiche Art und Weise mit dem Thema befasst. Informationen, die wirklich helfen, finden Sie nicht in deutschen Verordnungen und Gesetzen, nicht in den Sprechblasen der Politiker, und schon gar nicht in den Schlagzeilen der BLOEDzeitung.
Sondern hier:
Informationen des Bundesveterinäramtes der Schweiz:
Universität Wien:
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