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05. Juli 2005

Untersuchung einer Bullterrier-Zuchtlinie auf Hypertrophie des Aggressionsverhaltens, Jennifer Hirschfeld, Dissertation Tierärztliche Hochschule Hannover, 2005 (pdf)

Zitat S. 181 ff:

"Wie schon zahlreiche vorhergehende Studien (u.a. MITTMANN 2002, BÖTTJER 2003, BRUNS 2003, JOHANN 2004, FEDDERSEN-PETERSEN 2004) zeigt auch diese Untersuchung deutlich, daß Pauschalaussagen bezüglich bestimmter Hunderassen im Allgemeinen oder auch bezüglich Hundegruppen und -typen, wie sie beispielsweise bei SCHLEGER (1983), im "Gutachten zur Auslegung von § 11b des Tierschutzgesetzes"(BMELF 2000) oder auch in rechtssetzenden Texten wie der Nds. GefTVO getroffen werden, ethologisch nicht haltbar sind Die von einem individuellen Hund ausgehende potentielle Gefahr, ist nicht an seine Rassezugehörigkeit oder Größe gekoppelt, sondern an seine individuelle genetische Ausstattung in komplexer Wechselwirkung mit den auf das Tier einwirkenden Umwelteinflüssen (FEDDERSEN-PETERSEN u. OHL 1995, LOCKWOOD 1995, FEDDERSEN-PETERSEN 2000d, 2004).

Die Ergebnisse dieser Studie belegen erneut, daß Hunde, unabhängig von ihrer Rasse, auf ähnliche Reize mit Aggressionen reagieren. Die Reaktion eines Hundes in einer bestimmten Situation ist von seiner jeweils aktuellen Motivationslage abhängig. Diese wiederum wird von verschiedensten endo- und exogenen Faktoren bestimmt. "Sein beobachtbares Verhalten ist also von zahlreichen Einflüssen und Reizen abhängig - und Ausdruck oder Indikator für den so differenziert wechselseitig beeinflußbaren inneren Zustand des Tieres - in einer ganz bestimmten Situation" (FEDDERSEN-PETERSEN u. OHL 1995). Gerade die hier erzielten Ergebnisse des Hund-Mensch- und Hund-Umwelt-Kontaktes (ein Großteil der Hunde zeigt nur vereinzelt optisches oder akustisches Drohverhalten und bleibt wiederum im Großteil der Testsituationen neutral oder freundlich) untermauern eindeutig erneut die Tatsache, daß Aggressionsverhalten nicht allgemein kennzeichnend für einen Hund sein kann, da es nicht statisch ist, sondern jeweils situativ angepaßt gezeigt wird (FEDDERSEN-PETERSEN u. OHL 1995).

Obwohl die Niedersächsische Gefahrtierverordnung am 3. Juli 2002 durch das Bundesverwaltungsgericht aufgehoben wurde, unterliegen auch heute noch einige völlig willkürlich und bar jeder wissenschaftlicher Grundlage ausgewählte Hunderassen gesetzlichen Einschränkungen auf Bundesebene. Für die Rassen Bullterrier, American Staffordshire Terrier, Staffordshire Bullterrier und Hunde vom Pitbull-Typus gilt zur Zeit ein bundesweites Einfuhr- und Verbringungsverbot. Die Ermächtigung zum Erlass von Einschränkungen der Zucht dieser Hunde wurde den Ländern übertragen. In Niedersachsen besteht dazu zur Zeit keine Regelung.Trotz der fehlenden wissenschaftlichen Grundlage geht der Gesetzgeber unverständlicherweise weiterhin davon aus, daß diesen Rassen und dem Hundetypus ein erhöhtes Gefährdungspotential anhängt. Aggression ist ein unverzichtbarer Bestandteil des Sozialverhaltens. Sie dient als Regelmechanismus des Zusammenlebens einer Gruppe. Durch Aggressionen werden Konflikte ausgetragen. Kompetition und Kooperation wird in Einklang gebracht. Dadurch aber wird ein geregeltes Miteinander zum Wohle des Individuums erst ermöglicht.

Leider ist "Aggression" zum negativ belegten Begriff geworden und wird ebenso häufig wie fälschlich mit der abstrakten Bezeichnung "Gefährlichkeit" gleichgesetzt. Um "Gefährlichkeit" bzw. eine Gefährdung zu verhindern, bedarf es aber deren fundierter und sachgerechter Definition.Eine solche Definition darf jedoch nicht auf willkürlichen rassebezogenen Vorurteilen basieren, sei es auch noch so bequem und populär. Stattdessen bedarf es konkreter Kriterien und Merkmale, welche die Gefahr, die von einem Individuum ausgeht, einzuschätzen helfen. FEDDERSEN-PETERSEN (2004) beschreibt diese Kriterien als: "der Situation nicht angemessenes Aggressionsverhalten, Angriffe und ungehemmtes Beißen (ohne Beißhemmung) von Sozialpartnern (Artgenosse, Mensch) und anderen Tierarten."

Keine der in jüngster Zeit unter diesen Betrachtungskriterien durchgeführten Studien ergab eine Korrelation zwischen übermäßigem Aggressionsverhalten und Zugehörigkeit zu einer bestimmten Rasse oder zu einem bestimmen Hundetyp.

Vielmehr konnten stets signifikante Zusammenhänge zur mangelnden Sachkunde der Hundehalter und einer unrealistischer Einschätzung des Verhaltens der jeweiligen Hundes durch die Halter festgestellt werden. Die Korrelation zwischen aversiven Ausbildungsmethoden und dem gehäuften Auftreten aggressiver Verhaltensweisen wurde bereits erwähnt. Als einzig denkbare Schlußfolgerung verbleibt mithin, daß in erster Linie gestörte Hund-Halter-Beziehungen für die mögliche Gefährdung der Umwelt durch Hunde verantwortlich zu machen sind (LOCKWOOD 1986, BRUNS 2003, FEDDERSEN-PETERSEN 2004).Auf der Basis dieser Schlußfolgerungen läßt sich ein Lösungsansatz nicht in einer weiteren Reglementierung und damit Diskriminierung bestimmter Hunderassen oder - typen finden. In ihren Kommunikationsmöglichkeiten durch Leine und/oder Maulkorb eingeschränkte Hunde werden langfristig immer unter einer Einbuße an sozialer, kommunikativer Kompetenz leiden.

Hingegen gilt es die Erhöhung der sozialen Kompetenz zu fördern. Die Basis dazu bietet beispielsweise die Grundlagenforschung auf dem Gebiet der Ethologie und die Vermittlung fundierten Fachwissens an Hundezüchter und -halter. Entscheidend ist daneben eine weder reißerische, noch polemisierende, sondern eine sachliche und wissenschaftlich fundierte Information der Öffentlichkeit und der politischen Gremien.

Letztlich greift auch hier wieder der Leitsatz des Instituts für Tierschutz und Verhalten (Heim-, Labortiere und Pferde) der Tierärztlichen Hochschule Hannover: "Wissen schützt Tiere". "



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